{"id":10767,"date":"2019-02-25T20:45:43","date_gmt":"2019-02-25T18:45:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/?p=10767"},"modified":"2019-02-25T20:45:46","modified_gmt":"2019-02-25T18:45:46","slug":"ein-leben-in-unter-50-grad-kaelte-ein-erfahrungsbericht-aus-oimjakon-in-sibirien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/ein-leben-in-unter-50-grad-kaelte-ein-erfahrungsbericht-aus-oimjakon-in-sibirien\/","title":{"rendered":"Ein Leben in unter -50 Grad K\u00e4lte &#8211; Ein Erfahrungsbericht aus Oimjakon in Sibirien"},"content":{"rendered":"\n<p>Das heutige Thema des Tages schildert Erfahrungen einer Reise zum bewohnten K\u00e4ltepol der Welt und beschreibt, wie die Menschen mit diesen extremen Temperaturen leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon als Kind war der Winter f\u00fcr mich die sch\u00f6nste Jahreszeit. Das Gef\u00fchl bei K\u00e4lte und klarem Himmel \u00fcber frischen Schnee zu laufen und die Stille zu genie\u00dfen ist einfach wunderbar. Umso tiefer die Temperatur sinkt, desto faszinierender ist es f\u00fcr mich. Nach anf\u00e4nglichen K\u00e4ltemessungen unter -20 Grad in Deutschland zog es mich jahrelang nach Lappland, um der K\u00e4lte hinterherzujagen. Irgendwann wurden die -30 Grad unterschritten. Es war ein magischer Moment an einem zugefrorenen See morgens in Nordschweden. Dann stellte ich mir vor, wie sich wohl -40 Grad anf\u00fchlen. Im Dezember 2014 trat ich schlie\u00dflich meine Reise nach Sibirien an. Ich flog nach Jakutsk, der k\u00e4ltesten Gro\u00dfstadt der Welt. Schon hier herrschten bei der Landung am Flughafen -47 Grad und Eisnebel h\u00fcllte die Stadt ein. Knapp 250.000 Menschen leben hier. H\u00e4user stehen auf Betonstelzen, damit sie im kurzen, aber hei\u00dfen Sommer (H\u00f6chstwerte bis +38 Grad) unter dem Permafrostboden, der kurzzeitig auftaut nicht destabilisieren. Viele Kfz-Motoren laufen im Winter ununterbrochen durch, denn bei den andauernden tiefen Temperaturen unter -40 Grad w\u00fcrden sie wohl nicht mehr anspringen. Nach ein paar Tagen Aufenthalt wollte ich weiter zu einem der k\u00e4ltesten bewohnten Orte der Erde: Oimjakon (zum meteorologischen Hintergrund siehe Thema des Tages vom 17. Februar). Als ich dort ankam, traf ich auf ein kleines Dorf in Nord-Ost-Sibirien, weit weg von allem. Und es waren -53 Grad.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist das Leben bei unter -50 Grad?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der h\u00e4ufigsten Fragen, die ich gestellt bekomme, ist, wie Menschen ihren Alltag bei dieser extremen K\u00e4lte bis unter -60 Grad organisieren. Ich habe darauf keine einfache Antwort. Zu allererst muss erw\u00e4hnt werden, dass ich kein Russisch oder Jakutisch spreche und die Einheimischen kein Englisch. Dadurch war eine Kommunikation w\u00e4hrend der Reise generell sehr schwierig. Dennoch habe ich genug Eindr\u00fccke und Erfahrungen gewonnen, die einzigartig und gleichzeitig schwer in Worte zu fassen sind. Allgemein ausgedr\u00fcckt l\u00e4uft das Leben in dieser sehr isolierten Gegend langsamer ab als das, was die meisten Menschen bei uns in Mitteleuropa kennen. Das n\u00e4chste Dorf kann durchaus mehrere Stunden Autofahrt entfernt sein. Es gibt kein flie\u00dfendes Wasser! Rohre zu verlegen ist bei diesen Minustemperaturen unm\u00f6glich, da jede Wasserleitung rigoros platzen w\u00fcrde. Anstelle dessen versorgt ein LKW, der einmal pro Woche das Dorf ansteuert, die rund 800 Einwohner mit Wasser. Jeder Haushalt hat eine Wassertonne im Haus, die f\u00fcr Kochen und Waschen reichen muss. Internet gibt es ansatzweise \u00fcber Satellit und manche Menschen k\u00f6nnen sich auch ein Smartphone leisten. Die Internetverbindung und Geschwindigkeit ist jedoch langsam. Ein Bilddownload von 1 MB dauert bis zu 10 Minuten und oft gibt es auch gar keine Verbindung. Geheizt wird meist klassisch mit Ofen und Holz. Dabei ist es nicht ungew\u00f6hnlich, dass man nachts aufstehen und Holz nachlegen muss, sonst w\u00fcrde das Haus abrupt ausk\u00fchlen. Ich habe in meiner Unterkunft nachts nur 13 Grad gemessen. Es gibt einen kleinen Tante-Emma-Laden, der ebenfalls unregelm\u00e4\u00dfig mit LKW-Lieferungen aus Jakutsk versorgt wird. Alles ist von der Witterung und dem Verkehr abh\u00e4ngig, immerhin muss der LKW bis nach Oimjakon \u00fcber 1000 km zur\u00fccklegen. Ich hatte den Eindruck, dass gerade die Wintermonate sehr ruhig verlaufen und die Menschen eher zu \u00fcberwintern versuchen. Im Sommer dagegen, wenn der Permafrostboden teilweise auftaut, kann es bis \u00fcber 30 Grad warm werden. Allerdings versinkt dann ein Gro\u00dfteil Jakutiens im Schlamm und viele D\u00f6rfer sind von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten. Helikopter versorgen dann diese Orte mit Lebensmitteln. In dieser Lebenssituation ist es absolut notwendig, sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen. Das eiserne Gesetz Russlands lautet: In der K\u00e4lte l\u00e4sst man niemanden allein. Auch ich habe auf meiner Reise warmherzige und sehr gastfreundliche Menschen erlebt, die mich jederzeit auf eine Tasse Tee eingeladen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie f\u00fchlen sich -50 Grad an?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wichtigste f\u00fcr einen Spaziergang sind warme Kleidung und das sogenannte Zwiebelprinzip. Eine dicke Winterjacke allein w\u00fcrde nicht ausreichen. Ich trug drei bis vier Schichten Kleidung (T-Shirt, Pullover, Fleecejacke und Winterjacke sowie eine lange Unterhose, Jeans und zuletzt eine dicke Skihose). Die niedrigste Temperatur, die ich gemessen habe, betrug -56 Grad. Mir f\u00e4llt es bis heute schwer, auch nur ann\u00e4hernd eine Beschreibung daf\u00fcr abzugeben. Wenn die Temperatur in Deutschland auf -20 Grad f\u00e4llt, kann es schon einmal passieren, dass die Nasenschleimh\u00e4ute leicht einfrieren. Bei unter -50 Grad geschieht dies schneller und man bekommt das Gef\u00fchl, dass das Gesicht schnell taub wird. Nach circa 30 min Aufenthalt in der K\u00e4lte f\u00e4ngt das Gesicht an zu schmerzen. Deshalb habe ich zum Schutz eine Maske getragen. Es war ein K\u00e4lteabenteuer der Extreme. Doch auch hier gilt wie so oft: Der Mensch ist anpassungsf\u00e4hig. Kinder gehen dort auch bei -40 Grad zur Schule und Busse bringen die Menschen in Jakutsk zur Arbeit. Und wer sich warm anzieht, hat mit K\u00e4lte auch kein Problem. Egal ob in Deutschland oder am k\u00e4ltesten Ort der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dipl.-Met. (FH) Sebastian Balders, in Zusammenarbeit mit Dr. Markus \u00dcbel<\/p>\n\n\n\n<p>Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 25.02.2019<\/p>\n\n\n\n<p>Copyright (c) Deutscher Wetterdienst<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"589\" height=\"940\" data-attachment-id=\"10768\" data-permalink=\"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/ein-leben-in-unter-50-grad-kaelte-ein-erfahrungsbericht-aus-oimjakon-in-sibirien\/25_bild-2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/25_Bild.png\" data-orig-size=\"589,940\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"25_Bild\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/25_Bild-188x300.png\" data-large-file=\"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/25_Bild.png\" src=\"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/25_Bild.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10768\" srcset=\"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/25_Bild.png 589w, https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/25_Bild-188x300.png 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 589px) 100vw, 589px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das heutige Thema des Tages schildert Erfahrungen einer Reise zum bewohnten K\u00e4ltepol der Welt und beschreibt, wie die Menschen mit diesen extremen Temperaturen leben. 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