{"id":12781,"date":"2020-04-14T13:16:52","date_gmt":"2020-04-14T11:16:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/?p=12781"},"modified":"2020-04-14T13:16:54","modified_gmt":"2020-04-14T11:16:54","slug":"der-gletscherwind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/der-gletscherwind\/","title":{"rendered":"Der Gletscherwind"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Der Gletscherwind<\/h1>\n\n\n\n<p><strong>Datum<\/strong>&nbsp;14.04.2020<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle konnten Sie als treue Leser unseres Themas des Tages schon h\u00e4ufiger etwas \u00fcber lokale Windsysteme wie zum Beispiel erst k\u00fcrzlich von der Berg- und Talwind-Zirkulation mit dem inkludierten Hangwindsystem, aber auch von der Land- Seewind-Zirkulation oder dem F\u00f6hn lesen. Heute nehmen wir ein weiteres lokales Windph\u00e4nomen unter die Lupe: den Gletscherwind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gletscherwind f\u00e4llt fachlich in die Kategorie der katabatischen Winde. Der Begriff stammt vom griechischen Wort &#8218;katabatikos&#8216; &#8211; was \u00fcbersetzt &#8218;herunterflie\u00dfend&#8216; bedeutet. Somit ist der Gletscherwind ein kalter Fallwind. Beim Schmelzen m\u00fcssen die Wassermolek\u00fcle aus der relativ festen Bindung im Eis unter Energieaufwand in die schw\u00e4chere Bindung, wie sie zwischen Wassermolek\u00fclen im fl\u00fcssigen oder im gasf\u00f6rmigen Zustand besteht, \u00fcbergef\u00fchrt werden. Das Aufbrechen der festen Bindungen erfordert Energie, die das schmelzende Eis seiner w\u00e4rmeren Umgebung entzieht. Die Umwandlung vom festen Eis in den fl\u00fcssigen Zustand geschieht allerdings ohne Temperatur\u00e4nderung. Dadurch ist die Temperatur einer schmelzenden Schnee- oder Eisoberfl\u00e4che auf 0 \u00b0C fixiert. Auf einem Gletscher k\u00fchlt nun die oberfl\u00e4chennahe Luftschicht aufgrund des W\u00e4rmeentzugs durch das Schmelzen oder die Verdunstung des Eises stark ab. Da diese kalte Luft im Vergleich zur Umgebungsluft eine h\u00f6here Dichte aufweist und damit schwerer ist, flie\u00dft diese der Schwerkraft folgend in Form einer d\u00fcnnen Str\u00f6mungsschicht talabw\u00e4rts. Zur Erinnerung: Auch der Hangabwind teilt diese Eigenschaften und geh\u00f6rt somit auch zu den katabatischen Fallwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Gletscherwind kommt nun noch verst\u00e4rkend hinzu, dass die Temperatur der schmelzenden Unterlage h\u00f6henunabh\u00e4ngig ist, w\u00e4hrend die Umgebungsluft nach unten hin w\u00e4rmer wird. Damit nimmt der Temperaturunterschied zwischen der d\u00fcnnen Luftschicht \u00fcber der Schnee- oder Eisoberfl\u00e4che und freier Talatmosph\u00e4re nach unten deutlich zu. Es kommt zur Ausbildung eines Luftdruckgradienten und damit der Wirkung einer Druckgradientkraft. Als Druckausgleichsstr\u00f6mung mit der w\u00e4rmeren Umgebung entsteht der kalte, katabatische Fallwind, der je nach Gr\u00f6\u00dfe des Gletschers oder der vergletscherten Region \u00fcber die Gletscherzunge hinaus auch in einiger Entfernung noch sp\u00fcrbar ist. Bei alpinen Gletschern erreicht der Gletscherwind meist nur eine Entfernung von einem halben Kilometer bis er sozusagen ausstirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gletscherwinde stellen eine Umkehrung der sonst tags\u00fcber in Bergt\u00e4lern zu erwartenden Taleinwinde dar. In den Sommermonaten bl\u00e4st der Gletscherwind nahezu kontinuierlich sowohl am Tag als auch in der Nacht. Am Tag gleitet der w\u00e4rmere, entgegengesetzte Taleinwind dann \u00fcber den Gletscherwind auf und legt noch eine gewisse Strecke bis zu den Gipfellagen zur\u00fcck. Oberhalb des Kammniveaus weht ein von der Topographie unbeeinflusster Wind.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer weist der Gletscherwind zwei Maxima in seiner St\u00e4rke auf. Das erste Maximum wird kurz vor Sonnenaufgang erreicht, korrespondierend mit dem Maximum der talw\u00e4rts gerichteten Hangabwinde. Das zweite Maximum ist am sp\u00e4ten Nachmittag. Dann ist der Temperaturkontrast zwischen dem Gletschereis und der benachbarten erw\u00e4rmten Umgebungsluft am gr\u00f6\u00dften.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschwindigkeiten des Gletscherwindes bei alpinen Gletschern sind meist gering und liegen im Bereich von wenigen Metern pro Sekunde. Bei einer Verengung im Gebirgseinschnitt bzw. des Gletschertals muss die Str\u00f6mung jedoch bei gleichem Volumen zu nehmen (Venturi-Effekt), wodurch der Gletscherwind dort durchaus b\u00f6ig auffrischen kann. Die vertikale M\u00e4chtigkeit des Gletscherwindes beschr\u00e4nkt sich meist nur auf 2 bis 3 m. Bei stark vergletscherten Gebirgsregionen wie etwa in Alaska k\u00f6nnen auch um 10 Meter oder mehr erreicht werden. Dort wurden durchaus auch &#8211; mit einiger Entfernung von den vereisten Regionen &#8211; Gletscherwinde mit einer Sturmst\u00e4rke von 80 km\/h gemessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gletscherwind hat auch noch einen gro\u00dfen Bruder, den Inlandeiswind, der besonders \u00fcber den m\u00e4chtigen Eisschilden in Gr\u00f6nland und in der Antarktis bekannt ist und dort weitgehend ganzj\u00e4hrig vorzufinden ist. Die Ansammlung von kalter Luft mit hoher Dichte \u00fcber den Eisschilden und die H\u00f6he der Eisschilde bringt zus\u00e4tzlich enorme Gravitationsenergie ins Spiel. Hinzu kommt, dass die K\u00fcstenbereiche des antarktischen Kontinents, als auch von Gr\u00f6nland eine extrem steile Topographie aufweisen. Die Kaltluft flie\u00dft die Eisschilde hinab und wo sich diese Winde in den K\u00fcstent\u00e4lern auf begrenzte Gebiete wie T\u00e4ler konzentrieren, wehen die Winde in Sturmst\u00e4rke bis Orkanst\u00e4rke. Unter besonderen Bedingungen k\u00f6nnen punktuell Geschwindigkeiten von bis zu 300 km\/h erreicht werden. In Gr\u00f6nland werden diese Winde Piteraq (Gr\u00f6nl\u00e4ndisch: &#8222;Das, was einen \u00fcberf\u00e4llt&#8220;) genannt und sind am st\u00e4rksten, wenn sich ein Tiefdruckgebiet \u00fcber der Irmingersee s\u00fcd\u00f6stlich von Gr\u00f6nland kommend nordw\u00e4rts bewegt. Der fallende Luftdruck vor der Ostk\u00fcste Gr\u00f6nlands sorgt daf\u00fcr, dass die Festlandsluft zus\u00e4tzlich zum Meer gesogen wird und durch die komplexe Orografie lokal extreme Windgeschwindigkeiten hervorgerufen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>MSc.-Met. Sebastian Altnau<\/p>\n\n\n\n<p>Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 14.04.2020<\/p>\n\n\n\n<p>Copyright (c) Deutscher Wetterdienst<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1067\" height=\"603\" data-attachment-id=\"12782\" data-permalink=\"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/der-gletscherwind\/14_bild-pngjsessionid89212825b8f9d597012f584b21612d78-live11042\/\" data-orig-file=\"https:\/\/www.hossi-im-netz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/14_Bild.pngjsessionid89212825B8F9D597012F584B21612D78.live11042.png\" data-orig-size=\"1067,603\" data-comments-opened=\"1\" 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