Wetterthema des Tages – 09.10.2026
Virga – wenn Regen aus den Wolken fällt, aber niemals den Boden erreicht
Ausgabe vom 9. Oktober 2026

Manchmal zeigt sich am Himmel ein faszinierendes Schauspiel: Unter einer Wolke hängen graue, streifenartige Gebilde, die wie ein kräftiger Regenschauer aussehen. Doch am Boden bleibt alles trocken. Weder auf den Straßen noch auf den Feldern sind Regentropfen zu erkennen. Selbst eine Wetterstation registriert keinen Niederschlag.
Was zunächst widersprüchlich erscheint, lässt sich meteorologisch gut erklären. Der Niederschlag entsteht tatsächlich in der Wolke und fällt auch aus ihr heraus. Auf seinem Weg zur Erdoberfläche verdunstet oder sublimiert er jedoch vollständig.
Dieses Phänomen wird als Virga bezeichnet. Im Deutschen spricht man auch von Fallstreifen.
Virga ist nicht nur eine interessante optische Erscheinung. Sie zeigt, wie unterschiedlich die Feuchtigkeitsverhältnisse innerhalb der Atmosphäre sein können. Gleichzeitig erklärt sie, warum ein Niederschlagsradar manchmal Regen anzeigt, obwohl am Boden kein einziger Tropfen ankommt.
Kernaussagen
Virga bezeichnet Niederschlag, der aus einer Wolke fällt, die Erdoberfläche jedoch nicht erreicht. Die Tropfen verdunsten beziehungsweise die Eiskristalle sublimieren vollständig, bevor sie am Boden ankommen.
Voraussetzung ist häufig eine vergleichsweise trockene Luftschicht unterhalb der Wolkenbasis.
Während die Niederschlagsteilchen durch diese Luftschicht fallen, geht Wasser von der flüssigen oder festen Phase in Wasserdampf über.
Dafür wird Energie benötigt. Diese Energie wird der umgebenden Luft entzogen, wodurch sie sich abkühlen kann.
Je trockener die Luft unterhalb der Wolke ist, desto stärker kann die Verdunstung ausfallen.
Besonders eindrucksvoll sind Virga-Erscheinungen bei tief stehender Sonne. Dann erscheinen die Fallstreifen häufig als deutlich erkennbare graue oder silbrige Vorhänge unter den Wolken.
Auch Wetterradargeräte können solche Niederschlagsgebiete erfassen, obwohl der Niederschlag den Erdboden nicht erreicht.
Meteorologischer Hintergrund
Um Virga zu verstehen, muss man zunächst betrachten, wie Niederschlag innerhalb einer Wolke entsteht.
Wolken bestehen aus winzigen Wassertröpfchen, Eiskristallen oder einer Mischung aus beiden.
Diese Teilchen sind zunächst so klein, dass sie von aufsteigenden Luftbewegungen in der Schwebe gehalten werden können.
Durch verschiedene mikrophysikalische Prozesse wachsen sie jedoch.
In warmen Wolken können größere Tropfen kleinere Tröpfchen einfangen und mit ihnen verschmelzen.
In kalten Wolken spielt häufig das Wachstum von Eiskristallen eine wichtige Rolle. Diese können sich zu Schneeflocken verbinden und beim Fallen durch wärmere Luftschichten schmelzen.
Sobald die Niederschlagsteilchen groß genug sind, beginnen sie aus der Wolke herauszufallen.
Normalerweise erreichen sie irgendwann die Erdoberfläche.
Bei Virga geschieht das nicht.
Entscheidend ist die Luftschicht zwischen der Wolkenuntergrenze und dem Boden.
Stellen wir uns eine Wolke in 3.000 Metern Höhe vor. Innerhalb der Wolke herrscht eine hohe relative Luftfeuchtigkeit. Die Luft ist nahezu gesättigt.
Unterhalb der Wolke befindet sich dagegen eine deutlich trockenere Luftschicht.
Sobald Regentropfen in diese trockene Umgebung gelangen, beginnt Wasser von ihrer Oberfläche zu verdunsten.
Der Tropfen verliert Masse und wird immer kleiner.
Ist die Luftschicht ausreichend trocken und der Fallweg lang genug, kann der gesamte Tropfen verdunsten, bevor er die Erdoberfläche erreicht.
Aus dem ursprünglich sichtbaren Regentropfen wird unsichtbarer Wasserdampf.
Der Vorgang kann auch bei gefrorenem Niederschlag auftreten.
Fallen Eiskristalle oder Schneeflocken durch ausreichend trockene Luft, können sie direkt vom festen in den gasförmigen Zustand übergehen.
Dieser Prozess wird Sublimation genannt.
Beide Vorgänge können dazu führen, dass sich unterhalb einer Wolke sichtbare Niederschlagsstreifen bilden, die nach unten zunehmend dünner werden und schließlich vollständig verschwinden.
Besonders interessant ist dabei der Energiehaushalt.
Damit flüssiges Wasser verdunsten kann, muss Energie aufgebracht werden. Diese sogenannte Verdampfungswärme wird der Umgebung entzogen.
Dadurch kühlt die Luft ab.
Bei der Sublimation von Eis wird ebenfalls Energie benötigt.
Eine zunächst trockene Luftschicht kann durch fallenden und verdunstenden Niederschlag deshalb gleichzeitig feuchter und kälter werden.
Das verändert die Dichte der Luft.
Kältere Luft ist bei ansonsten gleichen Bedingungen dichter als wärmere Luft.
Dadurch können sich absinkende Luftbewegungen verstärken.
Bei kräftigen Schauern oder Gewittern kann die Verdunstung von Niederschlag eine wichtige Rolle bei der Entstehung starker Abwinde spielen.
Erreichen diese Abwinde den Boden, können sie sich dort seitlich ausbreiten und kräftige Windböen verursachen.
Allerdings führt nicht jede Virga-Erscheinung zu starken Abwinden. Häufig handelt es sich lediglich um einen optisch auffälligen, ansonsten harmlosen Vorgang.
Ein weiteres interessantes Merkmal ist die Form der Fallstreifen.
Bei schwachem Wind verlaufen sie häufig annähernd senkrecht nach unten.
Herrschen dagegen in unterschiedlichen Höhen verschiedene Windgeschwindigkeiten oder Windrichtungen, können die Streifen deutlich geneigt oder gekrümmt erscheinen.
Meteorologen sprechen in diesem Zusammenhang von vertikaler Windscherung.
Die Niederschlagsteilchen werden während ihres Falls vom Wind seitlich verfrachtet.
Dadurch kann eine Wolke ihren Niederschlag scheinbar weit entfernt von ihrer eigentlichen Position verlieren.
Gerade bei hochreichenden Quellwolken entstehen so eindrucksvolle Strukturen.
Manchmal erscheinen die Fallstreifen wie lange, ausgefranste Vorhänge.
In anderen Fällen sind lediglich dünne, fadenartige Gebilde zu erkennen.
Besonders deutlich wird das Phänomen bei tief stehender Sonne, wenn die Niederschlagsteilchen von der Seite beleuchtet werden.
Auch für die Wetterbeobachtung ist Virga von Bedeutung.
Ein Niederschlagsradar sendet elektromagnetische Wellen aus, die an Regentropfen, Schneeflocken und anderen Niederschlagsteilchen gestreut werden.
Ein Teil dieser Strahlung gelangt zum Radar zurück.
Aus der Stärke des empfangenen Signals lässt sich die Niederschlagsintensität näherungsweise ableiten.
Das Radar erkennt also Niederschlagsteilchen in der Atmosphäre.
Es misst jedoch nicht unmittelbar, ob diese Teilchen tatsächlich den Erdboden erreichen.
Deshalb kann eine Radarkarte ein Niederschlagsgebiet anzeigen, während eine darunterliegende Wetterstation trocken bleibt.
Virga ist eine mögliche Ursache dafür.
Weitere Gründe sind beispielsweise die Höhe des Radarstrahls über dem Boden, die Entfernung zum Radargerät oder Störechos.
Aus diesem Grund kombinieren Wetterdienste Radardaten mit Bodenmessungen und anderen Beobachtungsverfahren.
Erst dadurch entsteht ein möglichst vollständiges Bild der tatsächlichen Niederschlagsverteilung.
Schon gewusst?
Virga kann dazu führen, dass ein Niederschlagsgebiet gewissermaßen seine eigene Umgebung verändert.
Während Regentropfen verdunsten, steigt der Wasserdampfgehalt der zuvor trockenen Luftschicht.
Gleichzeitig sinkt durch die Verdunstungskühlung deren Temperatur.
Dadurch nimmt die relative Luftfeuchtigkeit zu.
Hält der Niederschlag aus der Wolke längere Zeit an, kann die darunterliegende Luftschicht allmählich so feucht werden, dass nachfolgende Tropfen nicht mehr vollständig verdunsten.
Aus einem zunächst trockenen Niederschlagsereignis kann deshalb später tatsächlich messbarer Regen am Boden werden.
Das erklärt eine interessante Beobachtung: Manchmal zeigt das Regenradar bereits seit einiger Zeit Niederschlag, während draußen noch alles trocken ist. Erst mit Verzögerung fallen die ersten Tropfen.
Wer bei einem Spaziergang entlang der Saale auffällige graue Fallstreifen unter einer Wolke entdeckt, sollte deshalb einmal genauer hinsehen.
Enden die Streifen deutlich oberhalb des Horizonts, könnte es sich um Virga handeln.
Dieses Phänomen macht eine grundlegende Eigenschaft unserer Atmosphäre sichtbar: Zwischen Wolken und Erdoberfläche können völlig unterschiedliche Feuchtigkeitsbedingungen herrschen – und nicht jeder Regentropfen, der am Himmel entsteht, erreicht tatsächlich den Boden.

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