Wetterthema des Tages – 16.10.2026
Der Föhn-Effekt – warum Luft auf der Leeseite eines Gebirges warm und trocken wird

16. Oktober 2026 | Wetterstation Brachwitz
Manchmal zeigt sich das Wetter auf den beiden Seiten eines Gebirges vollkommen unterschiedlich. Während sich auf der einen Seite dichte Wolken stauen und Regen fällt, scheint auf der anderen Seite die Sonne. Dort kann es überraschend warm, trocken und windig sein.
Dieses Phänomen wird als Föhn bezeichnet. Besonders bekannt ist es aus den Alpen, wo kräftiger Föhn innerhalb kurzer Zeit zu erheblichen Temperaturanstiegen führen kann. Doch die physikalischen Vorgänge sind keineswegs auf Hochgebirge beschränkt.
Auch Mittelgebirge wie der Harz können unter geeigneten Bedingungen ausgeprägte Föhneffekte hervorrufen. Für Mitteldeutschland ist das besonders interessant, denn die Lage eines Ortes auf der windzugewandten oder windabgewandten Seite eines Gebirges kann erhebliche Unterschiede bei Bewölkung, Niederschlag und Temperatur verursachen.
Der Föhn gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen dafür, wie stark Gebirge das Wetter beeinflussen. Dabei spielen Luftdruck, Temperatur, Feuchtigkeit und die vertikale Bewegung von Luftmassen eine entscheidende Rolle.
Kernaussagen
Föhn entsteht, wenn Luft über ein Gebirge strömt und auf der windabgewandten Seite als vergleichsweise warmer und trockener Fallwind auftritt.
Die dem Wind zugewandte Gebirgsseite wird als Luv bezeichnet. Die windabgewandte Seite heißt Lee.
Beim Aufsteigen auf der Luvseite sinkt der Luftdruck. Die Luft dehnt sich aus und kühlt dadurch ab.
Erreicht die aufsteigende Luft ihren Taupunkt, kann Wasserdampf kondensieren. Wolken entstehen und unter geeigneten Bedingungen fällt Niederschlag.
Beim anschließenden Absinken auf der Leeseite steigt der Luftdruck wieder an. Die Luft wird zusammengedrückt und erwärmt sich.
Dabei sinkt ihre relative Luftfeuchtigkeit deutlich. Vorhandene Wolkentröpfchen können verdunsten und die Bewölkung löst sich häufig auf.
Unter geeigneten Bedingungen entsteht auf der Leeseite ein warmer, trockener und teilweise kräftiger Wind.
Föhn kann allerdings auch ohne Niederschlag auf der Luvseite entstehen. Entscheidend sind die gesamte Strömungs- und Temperaturschichtung sowie die Druckverhältnisse über und entlang des Gebirges.
Meteorologischer Hintergrund
Um den Föhn-Effekt zu verstehen, muss man zunächst betrachten, was mit einem Luftpaket geschieht, wenn es innerhalb der Atmosphäre aufsteigt oder absinkt.
Die Lufttemperatur hängt nicht ausschließlich davon ab, wie viel Wärme von außen zugeführt wird. Sie verändert sich auch durch die Ausdehnung und Kompression eines Luftpakets.
Steigt Luft auf, gelangt sie in Bereiche geringeren Luftdrucks.
Das Luftpaket dehnt sich aus.
Für diese Ausdehnung muss es Arbeit gegen den Umgebungsdruck verrichten. Dadurch nimmt seine innere Energie ab und die Temperatur sinkt.
Dieser Vorgang wird als adiabatische Abkühlung bezeichnet.
Solange die Luft noch nicht mit Wasserdampf gesättigt ist, beträgt die trockenadiabatische Temperaturabnahme ungefähr 0,98 Grad Celsius pro 100 Meter Höhenzunahme.
Steigt ein zunächst ungesättigtes Luftpaket beispielsweise um 1.000 Meter auf, kühlt es sich bei annähernd trockenadiabatischen Bedingungen um rund zehn Grad ab.
Die tatsächlich vorhandene Wasserdampfmenge bleibt dabei zunächst nahezu unverändert.
Mit sinkender Temperatur steigt jedoch die relative Luftfeuchtigkeit.
Erreicht das Luftpaket seinen Taupunkt, beginnt Wasserdampf zu kondensieren.
Es bilden sich winzige Wassertröpfchen.
Eine Wolke entsteht.
Ab diesem Zeitpunkt verändert sich der thermodynamische Ablauf.
Bei der Kondensation wird latente Wärme freigesetzt. Diese Energie wirkt der weiteren Abkühlung teilweise entgegen.
Deshalb kühlt gesättigte, aufsteigende Luft gewöhnlich langsamer ab als ungesättigte Luft.
Die sogenannte feuchtadiabatische Temperaturabnahme ist nicht konstant. Sie hängt unter anderem von der Temperatur und vom Wasserdampfgehalt ab.
Unter typischen Bedingungen kann sie beispielsweise zwischen etwa vier und sieben Grad Celsius pro 100 Meter liegen.
Je wärmer und feuchter die Luft ist, desto größer kann die bei der Kondensation freigesetzte Wärmemenge sein.
Nun betrachten wir eine Luftströmung, die auf ein Gebirge trifft.
Auf der Luvseite wird ein Teil der Luft zum Aufsteigen gezwungen.
Dabei kühlt sie sich ab.
Ist genügend Feuchtigkeit vorhanden, entstehen Wolken.
Bei anhaltender Hebung können diese Wolken mächtiger werden und Niederschlag hervorbringen.
Dieser Vorgang wird als Staueffekt bezeichnet.
Besonders bei kräftiger Anströmung können sich auf der Luvseite ausgedehnte Niederschlagsgebiete bilden.
Ein Teil des ursprünglich vorhandenen Wasserdampfs verlässt die Luftmasse dann als Regen oder Schnee.
Überquert die Luft anschließend den Gebirgskamm und sinkt auf der Leeseite wieder ab, beginnt der umgekehrte thermodynamische Prozess.
Der Umgebungsdruck nimmt zu.
Das Luftpaket wird zusammengedrückt.
Dabei steigt seine Temperatur.
Sobald die Luft nicht mehr gesättigt ist, erwärmt sie sich beim weiteren Absinken mit ungefähr einem Grad Celsius pro 100 Meter.
Gleichzeitig sinkt die relative Luftfeuchtigkeit.
Vorhandene Wolkentröpfchen verdunsten.
Die Bewölkung kann sich dadurch rasch auflösen.
Auf der Leeseite entsteht häufig ein Bereich mit deutlich besserer Sicht und geringerer Bewölkung.
Dieser wolkenärmere Bereich wird gelegentlich als Föhnfenster bezeichnet.
Warum kann die Luft im Lee wärmer sein als auf der Luvseite?
Eine klassische Erklärung liefert der feuchtadiabatische Prozess.
Während des Aufstiegs kühlt gesättigte Luft durch die Freisetzung von Kondensationswärme langsamer ab.
Beim Absinken erwärmt sich die anschließend ungesättigte Luft dagegen mit der höheren trockenadiabatischen Temperaturänderung.
Zusätzlich kann durch Niederschlag Wasser aus der Luftmasse entfernt worden sein.
Dadurch ist die absinkende Luft trockener als zuvor.
Ein vereinfachtes Beispiel verdeutlicht den Zusammenhang.
Angenommen, eine Luftmasse steigt auf der Luvseite eines Gebirges zunächst um 500 Meter auf und kühlt sich dabei um ungefähr fünf Grad ab.
Anschließend erreicht sie die Sättigung.
Während des weiteren Aufstiegs um 1.000 Meter kühlt sie sich unter angenommenen feuchtadiabatischen Bedingungen um weitere sechs Grad ab.
Über dem Gebirgskamm ist sie somit insgesamt ungefähr elf Grad kälter als am Ausgangspunkt.
Auf der Leeseite sinkt die Luft nun um 1.500 Meter ab.
Ist sie während dieses Abstiegs ungesättigt, erwärmt sie sich um ungefähr 15 Grad.
Am Ende wäre sie damit etwa vier Grad wärmer als am Ausgangspunkt.
Dieses Beispiel zeigt das klassische thermodynamische Föhnprinzip.
In der tatsächlichen Atmosphäre ist die Situation jedoch komplizierter.
Nicht jedes Luftpaket, das im Lee ankommt, ist zuvor vollständig über das Gebirge aufgestiegen.
Häufig spielen auch absinkende Luft aus höheren Schichten, die Durchmischung unterschiedlicher Luftmassen und die großräumige Druckverteilung eine wichtige Rolle.
Besonders kräftige Föhnereignisse können durch ausgeprägte Druckunterschiede zwischen beiden Gebirgsseiten entstehen.
Die Luft wird dann über das Gebirge und durch Täler beschleunigt.
Dabei können hohe Windgeschwindigkeiten auftreten.
In manchen Fällen entwickeln sich auf der Leeseite außerdem Gebirgswellen.
Diese entstehen, wenn eine stabile Luftschicht durch die Überströmung eines Gebirges ausgelenkt wird.
Die Luft kann anschließend wellenförmig auf- und absteigen.
Unter geeigneten Bedingungen treten dabei kräftige Fallwinde und turbulente Luftbewegungen auf.
Auch sogenannte Rotoren können entstehen.
Das sind ausgeprägte Wirbelstrukturen, die besonders für die Luftfahrt von Bedeutung sind.
Föhn ist deshalb nicht nur ein Temperaturphänomen.
Er kann auch erhebliche Auswirkungen auf die Windverhältnisse haben.
Besonders interessant ist die Rolle der Luftfeuchtigkeit.
Warme Luft kann bis zur Sättigung wesentlich mehr Wasserdampf enthalten als kalte Luft.
Erwärmt sich ein absinkendes Luftpaket, ohne dass ihm zusätzliche Feuchtigkeit zugeführt wird, sinkt seine relative Luftfeuchtigkeit.
Die Luft fühlt sich dadurch häufig ausgesprochen trocken an.
Dieser Effekt kann die Verdunstung von Wasser an Oberflächen verstärken.
Auch Böden und Vegetation können unter anhaltendem Föhneinfluss schneller austrocknen.
In Gebieten mit trockener Vegetation kann kräftiger Föhn deshalb die Waldbrandgefahr erhöhen.
Ein weiteres charakteristisches Merkmal ist die Wolkenverteilung.
Auf der Luvseite kann eine geschlossene Wolkendecke liegen, die bis an den Gebirgskamm reicht.
Im Lee lösen sich die Wolken dagegen durch die absinkende und sich erwärmende Luft häufig auf.
Manchmal entsteht eine scharfe Grenze zwischen dem bewölkten Gebirgsbereich und dem sonnigen Lee.
Diese Erscheinung wird als Föhnmauer bezeichnet.
Sie kann besonders eindrucksvoll wirken, wenn Wolken scheinbar über den Gebirgskamm hinwegfließen und unmittelbar dahinter verschwinden.
Auch in Deutschland lassen sich solche Erscheinungen beobachten.
Besonders bekannt ist der Südföhn an den Alpen.
Dabei strömt Luft aus südlichen Richtungen über das Gebirge und erreicht auf der Alpennordseite häufig ungewöhnlich hohe Temperaturen.
Doch auch der Harz beeinflusst die regionalen Wetterverhältnisse.
Bei westlichen bis südwestlichen Windrichtungen kann sich auf der West- und Südwestseite des Harzes feuchte Luft stauen.
Auf der östlichen beziehungsweise nordöstlichen Leeseite kann die Luft dagegen trockener und unter geeigneten Bedingungen wärmer werden.
Für das östliche Harzvorland und Teile des mitteldeutschen Raumes kann dieser Effekt meteorologisch bedeutsam sein.
Allerdings darf nicht jede trockene Wetterlage östlich des Harzes automatisch als Föhn bezeichnet werden.
Dafür müssen die Strömungsverhältnisse, die Temperaturschichtung und die vertikale Luftbewegung entsprechend ausgeprägt sein.
Auch ein einfacher Regenschatten ist nicht zwangsläufig mit einem kräftigen Föhnwind verbunden.
Für die Wetterbeobachtung sind diese Unterschiede besonders interessant.
Wer die Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und Windgeschwindigkeit kontinuierlich misst, kann unter geeigneten Bedingungen typische Hinweise auf Föhneinfluss erkennen.
Dazu gehören ein deutlicher Temperaturanstieg, eine gleichzeitig sinkende relative Luftfeuchtigkeit und eine Änderung der Windverhältnisse.
Für eine sichere meteorologische Einordnung sind jedoch zusätzliche Informationen über die großräumige Wetterlage und die Strömung in der Höhe erforderlich.
Schon gewusst?
Der Föhn-Effekt kann dazu führen, dass zwei Orte auf gegenüberliegenden Seiten eines Gebirges völlig unterschiedliche Wetterbedingungen erleben.
Während auf der Luvseite Regen fällt und die Temperatur nur wenige Grad beträgt, kann auf der Leeseite die Sonne scheinen und die Luft deutlich wärmer sein.
Besonders faszinierend ist, dass die zusätzliche Wärme im Lee nicht einfach durch stärkere Sonneneinstrahlung entstehen muss.
Ein wesentlicher Teil der Temperaturänderung kann direkt durch die Kompression absinkender Luft verursacht werden.
Dafür ist keine zusätzliche Wärmezufuhr von außen erforderlich.
Ein weiterer interessanter Zusammenhang betrifft den Harz.
Der Brocken gehört zu den niederschlagsreichen Standorten Mitteldeutschlands. Die östlich gelegenen Gebiete im Regenschatten des Harzes erhalten dagegen teilweise erheblich weniger Niederschlag.
Dieser Unterschied entsteht unter anderem dadurch, dass feuchte Luftmassen beim Überströmen des Gebirges zum Aufsteigen gezwungen werden und dabei einen Teil ihrer Feuchtigkeit verlieren.
Für die Region um Halle und das Saaletal ist der Regenschatten des Harzes ein wichtiger Bestandteil des regionalen Klimas.
Er trägt dazu bei, dass Teile Mitteldeutschlands zu den vergleichsweise niederschlagsarmen Gebieten Deutschlands gehören.
Föhn und Regenschatten beruhen damit auf verwandten physikalischen Vorgängen, sind aber nicht identisch.
Der Regenschatten beschreibt vor allem die räumliche Verteilung des Niederschlags.
Der Föhn bezeichnet dagegen eine charakteristische warme und trockene Fallströmung auf der Leeseite eines Gebirges.
Beide Erscheinungen zeigen, wie stark die Geländeform unser Wetter beeinflussen kann.
Selbst ein Mittelgebirge kann ausreichen, um die Eigenschaften einer Luftmasse erheblich zu verändern und auf relativ engem Raum unterschiedliche Wetterbedingungen entstehen zu lassen.

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