Wetterthema des Tages
Ein Hauch von Herbst mitten im August – was „Polarluft“ wirklich bedeutet

Nach der ausgeprägten Hitze der vergangenen Tage zeigt sich Deutschland zum Wochenbeginn von einer deutlich frischeren Seite. Hinter dem jüngsten Luftmassenwechsel strömt vor allem in den Norden kühlere Luft ein. Gleichzeitig bleibt die Atmosphäre wechselhaft: Schauer ziehen regional durch, örtlich können auch Gewitter auftreten. Im Süden fällt der Temperaturrückgang weniger drastisch aus und besonders in Alpennähe bleibt die Luft feuchter und niederschlagsanfälliger.
In Wetterberichten fällt für solche Situationen schnell der Begriff „Polarluft“. Er klingt nach Winterjacke und Frost, obwohl wir uns mitten im August befinden. Dahinter steckt jedoch kein Versprechen eisiger Temperaturen, sondern eine meteorologische Herkunftsbezeichnung. Und genau diese Herkunft erklärt, warum sich ein Sommertag nach einer Hitzewelle plötzlich fast herbstlich anfühlen kann.
Kernaussagen
Polarluft wird nach ihrem Ursprungsgebiet benannt. Sie entsteht in hohen geografischen Breiten und ist deshalb zunächst deutlich kühler als subtropische oder tropische Luft.
Auf ihrem Weg nach Mitteleuropa verändert sie sich jedoch. Über warmem Meer oder aufgeheiztem Festland nimmt sie Wärme und Feuchtigkeit auf. Polarluft bedeutet deshalb im deutschen Sommer keineswegs automatisch Temperaturen im einstelligen Bereich.
Besonders wichtig ist der Temperaturunterschied zwischen der relativ kalten Luft in höheren Atmosphärenschichten und dem noch warmen Erdboden. Diese Kombination kann die Atmosphäre labilisieren und die Bildung von Quellwolken und Schauern fördern.
Darum können sich nach einer Hitzewelle kühlere Temperaturen, Sonnenschein und kräftige Schauer am selben Tag abwechseln.
Meteorologischer Hintergrund
Luftmassen erhalten ihre charakteristischen Eigenschaften dort, wo sie sich über längere Zeit aufhalten. Über subtropischen Regionen kann sich beispielsweise sehr warme Luft entwickeln, während Luft aus hohen nördlichen Breiten wesentlich kühler ist.
Entscheidend ist anschließend der Transport.
Die derzeitige Großwetterlage wird von einem Tiefdrucksystem über Skandinavien und einem kräftigen Hoch über dem Nordatlantik geprägt. Zwischen diesen Druckgebilden wird die Strömung stärker in Nord-Süd-Richtung gelenkt. Dadurch kann kühlere Luft aus höheren Breiten weit nach Mitteleuropa vorstoßen.
Doch diese Luft beginnt sich bereits während ihrer Reise zu verändern.
Strömt kalte Luft über eine relativ warme Meeresoberfläche, wird sie von unten erwärmt. Gleichzeitig verdunstet Wasser und reichert die Luft mit Feuchtigkeit an. Über dem im August noch stark erwärmten europäischen Festland setzt sich diese Erwärmung fort.
Dadurch entsteht eine interessante Situation: Am Boden kann die Temperatur durchaus noch 20 bis 25 Grad erreichen, während es einige Kilometer höher für die Jahreszeit ungewöhnlich kalt ist.
Genau dieser große vertikale Temperaturunterschied beeinflusst die Stabilität der Atmosphäre.
Wird bodennahe Luft durch Sonneneinstrahlung erwärmt, beginnt sie aufzusteigen. Trifft sie darüber auf vergleichsweise kalte Luft, bleibt sie gegenüber ihrer Umgebung länger warm und damit leichter. Der Auftrieb setzt sich fort.
Quellwolken wachsen.
Erreichen sie eine ausreichende Höhe, entstehen Schauer oder sogar einzelne Gewitter. Deshalb ist die klassische Rückseitenlage hinter einer Kaltfront häufig von einem charakteristischen Wechsel geprägt: Sonne, Quellwolken, plötzlich ein kräftiger Regenschauer – und wenig später wieder blauer Himmel.
Die kühlere Luft sorgt damit paradoxerweise nicht unbedingt für ruhiges Wetter. Im Gegenteil: Gerade der Gegensatz zwischen warmem Boden und kalter Höhenluft kann die Atmosphäre ausgesprochen lebhaft machen.
Wie stark sich die Abkühlung bemerkbar macht, hängt zudem von der Region ab. Während manche Orte nach einer Hitzeperiode plötzlich nur noch Werte um 20 Grad erreichen, kann es weiter südlich oder in sonnigen Abschnitten weiterhin sommerlich warm werden.
Schon gewusst?
Die Herkunft einer Luftmasse lässt sich meteorologisch regelrecht „verfolgen“. Dazu berechnen Meteorologen sogenannte Rückwärtstrajektorien. Sie zeigen, welchen Weg ein Luftpaket in den vergangenen Stunden oder Tagen genommen hat.
Dabei kann eine Luftmasse, die heute über Mitteldeutschland liegt, wenige Tage zuvor noch über dem Nordatlantik, Grönland oder Skandinavien unterwegs gewesen sein.
Noch erstaunlicher ist ihre Veränderung während dieser Reise: Eine ursprünglich sehr kalte Luftmasse kann sich auf dem Weg nach Deutschland um viele Grad erwärmen und trotzdem meteorologisch weiterhin als Polarluft bezeichnet werden.
„Polarluft“ beschreibt deshalb vor allem die Herkunft und Geschichte der Luft – nicht die Temperatur, die wir anschließend am Thermometer ablesen. Genau deshalb kann selbst ein sonniger Sommertag mit 23 Grad aus meteorologischer Sicht von Polarluft geprägt sein.

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